JUZO ITAMI (15.05.33-20.12.97)

Ein Nachruf

"Das ist ueberhaupt der groesste Fehler: Lauwarme Nudelsuppe." (TAMPOPO)

Am 20. Dezember sprang Juzo Itami aus einem Fenster im achten Geschoss des Gebaeudes, in dem er arbeitete.

Einen Tag zuvor war ich beim Zahnarzt, um mir meinen obligatorischen Jahresstempel ins Bonusheft eintragen zu lassen. Vorn unten wurde noch ein wenig Zahnstein weggebuerstet. Ich erzaehlte, dass ich neuerdings eine elektrische Zahnbuerste benutzte, ob man das saehe. Ja, das habe sich gelohnt, meinte der Bohrer, und ich entgegnete: Rowenta. Und wie es jetzt mit meiner Luecke stuende und der Bruecke, fragte er. Ich meinte, ach was, soll der Zahn dadrueber doch rauswachsen, ist sowieso schon ueberkront und kaum noch was uebrig von ihm. Erstaunlich, wie leicht man mit einer Luecke leben kann. Vor allem, wenn die Alternative ist, zwei gesunde Zaehne fuer die Bruecke anschleifen zu lassen. So geh ich dann bald und wie immer nach meinen Zahnarztbesuchen in den nebenanliegenden Asia-Shop. Da gibt's diese Instant-Suppen, die scharfen, schon fuer 60 Pfennige die Packung. Zwei reichen fuer eine Mahlzeit. Kommen aus Vietnam. Die teureren aus Japan. Viel schmackhafter als die Maggi-Imitate. Zuhause angekommen leer ich zwei Tueten in den Topf mit heissem Wasser und hole die Staebchen raus. Und da faellt mir ein, seit wann ich Suppe mit Staebchen esse. Und seit wann ich Nudelsuppe schluerfe. Genau seit jenem Tag, an dem ich TAMPOPO sah.

TAMPOPO kam erst im Fernsehen. Ein paar Jahre spaeter schaffte er es hier in Frankfurt in die Programmkinos. Inzischen waren Juzo Itamis zwei Steuerfahnderinnenfilme (MARUSA NO ONNA) aus den Jahren 87 und 88 im TV gelaufen, beide wieder mit seiner Frau Nobuko Miyamoto in der Hauptrolle. Ganz aktuell in ihrer Kunde von einem Wechsel von Gewalttaten zu "sanften" Verbrechen wie denen der Steuerhinterziehung. Itami hat sogar ein Ohr fuer die Argumente der Verfolgten, die wir bei uns in Form von inhaftierten Tennisvaetern und Musikpromotern im realen Leben wiederfinden. 1984 war Itami mit DIE BEERDIGUNGSZEREMONIE (OSOSHIKI) als 50jaehriger in die Regie eingestiegen. Alle Filme fuehren auf sarkastische Weise vor, welche grotesken Auswuechse Geldgeilheit nehmen kann. In DAIBYONIN (1993) wehrt sich ein verhaerteter Kauz gegen seine Krebserkrankung. Aber keiner dieser Filme ist mehr so komisch wie der von Itami selbst geschriebene TAMPOPO, in dem ein japanischer Cowboy mit Hut, eigentlich Trucker, einer kleinen Lokalbesitzerin beim Finden der perfekten Nudelsuppenzubereitung hilft. Itamis Rezept, japanische Eigenarten dem Ausland vor Augen zu fuehren, geht auf. In einem Nobelrestaurant wird Schuelerinnen das europaeisch korrekte Essen der Spaghetti (freilich mit Staebchen) erklaert, als am Nachbartisch ein Japaner schluerfend seine Nudeln einzusutzeln beginnt. Schnell imitieren ihn die Schuelerinnen, bis ihre Lehrerin selbst mitmacht und die Freuden des lauten Schmatzens entdeckt.

Wir lernen auch, dass man Gemuese nicht zerkleinern soll. In kleinen Einsprengseln beobachtet Itami die verruecktesten Auswuechse menschlichen Alltags, eine alte Frau, die alles und jedes im Supermarkt auf Frische hin zusammdrueckt - wer kennt nicht die Warnschilder, die einem das hierzulande mancherorts untersagen. Es sind aber immer auch die sexuellen Konnotationen und Persiflagen, die unser Zwerchfell kitzeln. In einem Land, das fuer Suessigkeiten wirbt mit einem Spot, in dem eine erwachsene Frau in Schuluniform einer anderen in Schulinform eben mal im Vorbeigehen die Brust drueckt, mag ein Film wie NEUNEINHALB WOCHEN an sich schon Gelaechter ausloesen. Der daran angelehnte Mund-zu-Mund-Eigelbaustausch in TAMPOPO hat jedenfalls in meiner Kueche mal Flecken gemacht. Und so schluerft der Filmliebhaber in Weiss, der so daherkommt wie Dirk Bogarde im TOD IN VENEDIG und von ebensolch melancholischer Musik begleitet wird, einem Teenie am Strand Austern aus der Hand. Seiner Geliebten stuelpt er ein Wasserglas ueber den Bauchnabel, in dem ein Krabbelfisch plaetschert und bei ihr Gekiekse ausloest.

Wer dahinter die klassische Darstellung der unterwuerfigen Japanerin vermutet, wird in der Gesamtschau von Itamis Werk immer wieder durch die titelgebende "ONNA" (Frau) eines besseren belehrt. In MINBO NO ONNA (uebersetzt u.a. mit "Die freundliche Art japanischer Beseitigung") stellt sie 1992 tapfer die Yakuza bloss, so heftig, dass Itami nach dem Filmstart von fuenf Gangstern angegriffen und durch Messerstiche verletzt wird. Ironischerweise sah er mit seinen Gesichtsverbaenden danach so aus wie einer der Protagonisten aus TAMPOPO. Im Gegensatz zu Martin Scorsese, der sich durch seine umstrittene Bibelverfilmung einst herber Kritik ausgesetzt sah, die auch "aus italienischen Kreisen" stammte, und der oeffentlich seinen Film relativierte, blieb Itami in seiner Mafia-Kritik hart und voller Spott. Die Narben, die er nach der Attacke trug, bezeichnete er als Kompliment. Sein Plaedoyer fuer eine selbstbewusste und starke Frau mag da etwas untergehen, aber wie anders kann man die Szene aus TAMPOPO verstehen, in der eine todkranke, daniederliegende Mutter von ihrem Ehemann angeschrieen wird: "Du musst irgendetwas machen. Geh und mach das Abendessen!" Und die dann zur Verblueffung auch der umsitzenden Kinder und des haeuslichen Pflegepersonals wie ein Zombie in die Kueche wankt und zum letzten Mal gehorsam und bleich ihre Pflicht tut.

Itamis Vater Mansaku Itami, der ein sehr angesehener Schauspieler und Regisseur war, verhinderte durch seine Uebergroesse Juzos frueheres Regieengagement. Juzo war Werbegrafiker, Herausgeber, TV-Reporter, bevor er zur Regie kam. Geschauspielert hat er, sogar mal in zwei amerikanischen Filmen (LORD JIM und 55 DAYS IN PEKING). 1995 verfilmte er mit A QUIET LIFE (SHIZUKANA SEIKATSU) ein Werk von Oe, 1996 und 1997 folgten noch SUPA NO ONNA ("Die Supermarktfrau") und MARUTAINO ONNA. Seine Filme wurden ueberwiegend von einem Schulfreund produziert. Mehr wird es nun nicht mehr geben.

Die bekannte japanische Zeitung ASAHI SHIMBUN berichtete darueber, dass ein Boulevardmagazin namens FLASH ein Photo und einen Bericht abdrucken wolle, die belegten, dass Itami eine Affaere mit einer 26jaehrigen Schauspielerin hat. Tatsaechlich soll er von den Reportern auch darauf angesprochen worden sein. Sie sollen nach wie vor von der Affaere ueberzeugt sein. Itami, der seine Frau Nobuko Miyamoto nicht nur staendig in Hauptrollen besetzte, sondern auch als "Japans Frau, Mutter und Schauspielerin Nummer 1" bezeichnete, hinterliess neben einer Botschaft an seine Frau eine oeffentliche Notiz, in der er die Affaere verneinte und schrieb, dass nur sein Freitod ihm Recht geben koennte. Als ich diese Geschichte meinen Eltern erzaehlte, meinten sie sofort, damit haette er doch gerade seine Schuld eingestanden. Wie verschieden doch Kulturen sein koennen. Grotesk ist, dass seine Frau ihn wohl verstanden hat und wuenscht, er haette es sein lassen. Wozu ein Westler ihm wohl auch geraten haette.

"Das Schamgefuehl entsteht aus dem tiefen Bewusstsein, den Blick des anderen zu spueren." Das schreibt Nagisa Oshima 1966 in "Fujinkoron" (Die Meinung der Frauen). Dass ein allzu verfolgender, "oeffentlicher" Blick dieses Jahr hier wie im Osten eine Persoenlichkeit das Leben kostete, laesst auch nach dem Sinn der Mobgeilheit nach Privatem fragen, nach der Ethik des modernen Journalismus, der diese Nachfrage staendig bedient. Itamis Tod aber, um eine Anlehnung an einen Oshima-Film zu gebrauchen, war "Selbstmord unter Zwang". Er hinterlaesst eine schmerzliche Luecke, aus der eine fragende Kraft emporsteigt, der sich niemand entziehen kann, der ueber andere schreibt. Yoshihiro Ikeuchi, das war Itamis buergerlicher Name. Jetzt beginnt sein letzter Film. In TAMPOPO legt ein alter Suppenkenner zu Beginn seiner Mahlzeit das Fleisch an den Tellerrand und sagt: "Bis bald".
Bis bald, Juzo.
Pusteblume

29.Dezember 1997

Guido Keller

Samurai